Lehrer/-innen-Interview in der Coronazeit #1

Wie geht es Ihnen?
Ich habe keine Langeweile. Die erste Woche zu Hause war eine große Herausforderung. Die allgemeine Unsicherheit –  was darf ich, was darf ich nicht – was sollen wir jetzt machen, war sehr aufregend, aber auch spannend. Wobei ich das nicht als negativ empfunden habe. In beruflicher Hinsicht hatte ich keine Probleme. Wir waren sehr schnell, sehr gut aufgestellt.

Wie ist ihr Tagesablauf zurzeit? – Wie war es am Anfang, hat sich etwas verändert?
Der Tagesablauf hat sich deutlich und komplett verändert. Seit mein Sohn (4,5 Jahre alt) in der Notbetreuung ist, ist alles wieder halbwegs normal. Vor den Osterferien war es schwierig, täglich die Frage „Wie lange bleibt mein Sohn ruhig, damit ich in Ruhe arbeiten kann? Wie lange sind das Fernsehprogramm oder die Malblätter interessant genug, dass er zufrieden ist?“
Währenddessen habe ich bis nachmittags am Handy oder Rechner gesessen, Nachfragen von SchülerInnen und Eltern beantwortet. Zwischendurch kochen, Kind beschäftigen oder beruhigen, etc. – Mütterstress der übelsten Form.

Wie fühlen Sie sich dabei?
Ich habe den Fehler gemacht, in den vier Stunden, in denen ich frei hatte, zu versuchen, alles zu regeln. War ständig unter Druck, neue Arbeitsblätter zu erstellen. Ich habe immer überlegt, was kann ich noch machen; ständig das Handy in der Hand, Eltern Kollegen, Schüler – Eltern mit technischen Fragen. Dann die Rückmeldungen an die Schüler. Das finde ich ganz wichtig, damit sie motiviert bleiben und nicht ins Leere arbeiten.

Gibt es auch positive Dinge die Sie erleben?
Durch die enge Kommunikation mit den Eltern hat sich der Kontakt insgesamt verbessert. Ich empfinde eine große Bewunderung für die Eltern, die das jetzt alles managen müssen.
Auch die Beziehung zu den Schülern ist enger geworden, besonders zu den super Stillen. Allerdings gibt es auch Schüler, von denen ich keinerlei Rückmeldungen bisher erhalten habe.

Hat sich etwas in der Beziehung zwischen Ihnen und Ihren Kindern verändert?
Total! Mein Sohn ist noch anhänglicher geworden. Zwischendurch dachte ich schon mal „Vielleicht hat er den Virus in die Welt gesetzt.“ Er hat jetzt alles, was er braucht, alle sind zu Hause, alle sind um ihn herum. Er muss keine Küsschen mehr geben. Bis vor 2 Wochen war das alles super für ihn, das war auch der Zeitpunkt, wo er das erste Mal nach seinen Freunden gefragt hat. Auch mit meiner Tochter (14 Jahre alt) habe ich eine viel engere Bindung. Natürlich streiten wir auch, aber das sind nur kurze Ausbrüche. Wir haben eine wahnsinnig intensive positive Beziehung.

Was machen Sie wenn sie wütend oder verärgert sind?
Ich frage mich warum ich jetzt so wütend bin. Häufig passiert es, wenn ich mir etwas vorgenommen habe und dann wollen die Kinder etwas und ich kann es dann nicht erledigen. Vielleicht hat es mit einem übersteigerten Ehrgeiz zu tun. Ich versuche einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen und die Erwartungen an mich selbst herunterzuschrauben.

Haben sie Tipps für andere Eltern?
Eltern sollen sich nicht so viele Sorgen machen. Es muss nicht immer alles perfekt sein.  Das wird nicht erwartet. Die Welt geht nicht unter wenn Aufgaben einmal nicht erledigt werden.  Wenn die Kinder lange schlafen wollen, dann sollen sie es tun, wann die Aufgaben gemacht werden ist egal.  Aber auch Struktur ist wichtig, beispielsweise 3 Stunden arbeiten am Tag ist verbindlich. Auch gemeinsame Rituale, wie zum Beispiel, dass alle zusammen Essen. Aber auch das sollte man nicht überstrapazieren.
Nicht alle Kontakte unterbinden. Kinder sollten die Möglichkeit haben raus zu gehen. Sie sollten sich mit einem Freund oder einer Freundin, draußen treffen dürfen. Warum sollten die Kinder das anders machen als die Erwachsenen. Es gelten für Kinder andere Regeln als für die Erwachsenen, das macht mich wütend.

Wie motivieren Sie Ihre Kinder ihre Aufgaben zu erledigen?
Das muss ich nicht. Meiner Tochter ist es zu langweilig, wenn sie die Aufgaben nicht macht. Sie hat sich allerdings schon immer selbst motiviert.

Was fehlt Ihnen zurzeit am meisten?
Meine Freunde nicht in den Arm nehmen zu können.
Zeit für mich selbst zu haben unabhängig von der Arbeit. Ständig für Andere da sein zu müssen, Arbeit, Kinder, Familie irgendjemand will immer etwas und wenn es nur Aufmerksamkeit ist, ist mega anstrengend.
Eine Zeitlang habe ich jeden Morgen Sport gemacht. Ich habe viel im Garten gearbeitet. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen, das Ganze aus der Distanz zu betrachten. Ich frage mich: “Was werde ich aus der aktuellen Situation mitnehmen? Es ist auch eine riesige Chance, inne zu halten. Ich nehme mir fest vor, die jetzigen Erfahrungen in den Alltag mitzunehmen.

Ist die Corona-Pandemie bei Ihnen zu Hause Thema?
Sehr wenig. Mit meinem Sohn spreche ich nicht darüber, für ihn sind gerade alle erkältet. Mein Mann kann das Thema nicht mehr hören. Ich habe die Pandemie zu Anfang als große Bedrohung empfunden, deshalb habe ich mich auf einer sachlichen Ebene Informiert, mit dem Ziel etwas mehr Sicherheit und Klarheit zu erlangen.

Wenn Sie 3 Wünsche frei hätten, welche wären das?
Dass die Familie gesund bleibt.
Dass ich meine Schüler bald wiedersehe.
Dass ich einmal wieder mit meinen Freunden feiern kann.